Werkes

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der 31. Januar 1939
Warum fange ich ausgerechnet heute an, mein Tagebuch zu schreiben? Ist etwas Bedeutsames passiert? Habe ich von den Tagebüchern meiner Freundinnen erfahren? Nein. Ich suche einfach nach einem Freund. Ich suche jemanden, dem ich meine täglichen Sorgen und Freuden erzählen kann. Jemand, der genau das fühlt was ich fühle, der mir glaubt, jemand der niemals meine Geheimnisse preisgibt. Da ein Mensch zu derartiger Freundschaft niemals taugt, habe ich mich entschlossen das Tagebuch zu meinem Vertrauten zu machen. Ab heute, liebes Tagebuch, fängt unsere glühende Freundschaft an. Und wer weiß, wie lange unsere Freundschaft andauern wird? Vielleicht sogar bis zum Ende meines und bis zum Ende deines Lebens? In jedem Fall werde ich dir gegenüber gänzlich offen und aufrichtig sein und dir alles erzählen. Du, im Gegenzug, wirst mir zuhören, wenn ich mit dir meine Gedanken und Sorgen teile und du wirst niemandem davon erzählen. Und schweigen wirst du, wie das mit dem verzauberten Schlüssel verschlossene Zauberbuch, das in einem Zauberschloss versteckt ist. Niemals verrätst du mich. Vielleicht werden es die kleinen blauen Buchstaben tun, die von Menschen erkannt werden. Vor allem, muss ich dich mit mir bekannt machen. Ich besuche die dritte Klasse des Maria Konopnicka Gymnasiums. Ich heiße Renia, wenigstens so nennen mich meine Schulfreudinnen. Ich habe eine kleinere Schwester, Arianka, die vorhat, ein Filmstar zu werden (und teilweise gelingt ihr das bereits, denn sie spielte schon in einigen Filmen). Meine Mama ist andauernd mit ihr in Warschau. Früher lebte ich in einem wunderschönen Herrenhaus am Fluss Dnjestr. Dort ging es mir richtig gut und bis jetzt waren das wahrscheinlich die glücklichsten Momente meines Lebens. Die Störche bewohnten die alten Linden, im Garten glänzten die Äpfel und in meinem kleinen Gärtchen schauten wunderschöne, geformte Gartenbeete hervor. Das aber ist schon lange vergangen und kommt nicht wieder, es gibt kein Herrenhaus mehr, keine Störche auf den alten Linden, keine Äpfel und auch keine Blumen. Geblieben sind einzig allein die lieben und süßen Erinnerungen daran. Geblieben ist noch die Dnjestr, die fließt dort so fern, fremd und kalt. Jedoch ihr Wasser plätschert nicht mehr für mich. Jetzt bin ich in Przemyśl und wohne bei meiner Oma, aber eigentlich habe ich kein Zuhause. Deshalb bin ich manchmal so traurig, sodass ich weinen muss. Ich weine, obwohl es mir eigentlich an nichts fehlt. Ich habe Kleider, Süßigkeiten und sogar meine merkwürdigen aber doch so kostbaren Träume hab ich. Nur ein einziges fehlt mir, das warme Mutterherz und ein Haus, in dem wir alle zusammen wohnen, wie einst in dem weißen Herrenhaus an der Dnjestr. 

Und jetzt muss ich wieder weinen
Wenn ich mich an alte Zeiten erinn‘re
Die Linden, das Haus, Störche, Schmetterlinge
Weit…irgendwo…weit
Ich seh‘ und ich hör‘ immerzu
Wie der Wind die Bäume in den Schlaf wiegt im Nu
Niemand sagt zu mir
Dass das Nebel ist, und das Stille
Dass das Weite ist, und das Dämmerung am Abend
Dieses Wiegen kann ich immer hören
Ich sehe das Haus und den Teich
Und die Linden hinter dem Haus…

© Elżbieta Bellak

© Übersetzung aus dem Polnischen: Teresa Wanczura

© Gedicht, deutsche Fassung: Milena Ziefle